Zu früh gezwitschert? – Regierungssprecher in der Kritik

Ausgerechnet eine Twitter-Meldung gab in der Regierungspressekonferenz Anlass zur Kritik. Regierungssprecher Steffen Seibert hatte seine Follower am 22. März 2011 über eine Reise der Bundeskanzlerin nach Washington informiert. Die Hauptstadtpresse fühlt sich übergangen und beschwert sich.

Der Frust war den Journalisten am 25. März 2011 in der Regierungspressekonferenz deutlich anzumerken. Dicke Luft in Berlin – und alles nur wegen einer vierzeiligen Twitter-Meldung, veröffentlicht von Regierungssprecher (und Ex-„heute“-Moderator) Steffen Seibert.

 

Stein des Anstoßes: USA-Tweet von Seibert

Stein des Anstoßes: USA-Tweet von Seibert

 

Diese Meldung hatte Seibert am 22. März 2011 über seinen Twitter-Account veröffentlicht. Offenbar ohne die Reisepläne der Bundeskanzlerin (wie üblich) zuvor über die Medien-Verteiler an die Journalisten zu schicken. Das ist neu und entsprechend angesäuert zeigten sich dann auch einige Kollegen bei der Regierungspressekonferenz. Im Protokoll ist nachzulesen, dass einige Pressevertreter ihrem Ärger Luft machten. So wurde der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung Christoph Steegmans von einem Redakteur unter anderem gefragt:

Herr Dr. Steegmans, muss ich mir in Zukunft einen Twitter-Account zulegen, um über relevante Termine der Bundeskanzlerin informiert zu werden? Ich beziehe mich konkret auf die Ankündigung des Regierungssprechers, dass die Bundeskanzlerin in die USA reist.“

Die Kränkung des Journalisten ist deutlich herauszuhören, doch Steegmans antwortet auf die Frage ausführlicher als erwartet und läutet damit vielleicht eine Wende auf der Ebene der politischen Kommunikationskanäle ein:

Im Informationsgeschäft wissen Sie: Viel hilft viel. Ich glaube nicht, dass wir bislang Ihnen gegenüber mit Informationen geizig gewesen sind und dass jemand, der von Ihnen an eine Information herankommen wollte, am Ende überrascht wurde, dass wir irgendwelche anderen Kanäle bevorzugt bedient hätten. Als professioneller Kunde unseres Hauses gehen wir natürlich davon aus, dass Sie alle bei Twitter eingeloggt sind. Sagen wir es umgekehrt: Wir fänden es nicht schlecht, wenn Sie bei uns Kunde wären.

In der weiteren Diskussion argumentieren einige Pressevertreter mit der eingeschränkten Glaubwürdigkeit, die mit einer Informationsübermittlung via Twitter einhergehen würde. Als Beispiel wurde der falsche Account von Martina Gedeck angeführt. Über diesen wurden bei der Bundespräsidentenwahl 2010 falsche Statements und Wahlprognosen im Namen der Schauspielerin und Wahlfrau abgegeben.

 

„@RegSprecher“ ist kein Ersatz – aber auch keine Gefahr

 

Im Gegensatz zum Gedeck-Account ist „@RegSprecher“ jedoch nachweislich echt. Daran bestand seit dem Launch am 28. Februar 2011 kein Zweifel. Korrekterweise muss wohl aber darauf hingewiesen werden, dass sich der Twitter-Account wohl tatsächlich nicht so effektiv vor fremden Zugriffen schützen lässt wie Inhalte, welche direkt auf dem Web-Angebot des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (BPA) bereitgestellt werden. Doch dies ist (noch) gar nicht der Stein des Anstoßes. Empörung herrscht bei der Hauptstadtpresse darüber, dass man nicht zuerst über die Reisepläne der Kanzlerin informiert wurde. Doch eines wurde bei dieser Debatte außer Acht gelassen: Das Recht auf Information ist nicht gleichzusetzen mit einem Exklusivitätsmonopol.

Die Tweets des Regierungssprechers können und sollen nicht „alte“ Kommunikationskanäle ersetzen, sondern sie allenfalls erweitern. Der Presse soll und muss als „vierte Gewalt“ nach wie vor die Rolle einer analysierenden und (be)wertenden Instanz zukommen. Dies schließt jedoch nicht das Recht einer Regierung auf eine Kommunikation über eigene Kanäle aus. Gerade weil es im Netz noch an vielen Stellen an politischer Kommunikation und vor allem Partizipationsmöglichkeiten mangelt, ist die Entrüstung über die Termin-Panne nur bedingt nachvollziehbar.

 

Falsche Bestürzung: Twitter ist längst Online-Quelle

 

Twitter ist längst eine beliebte Quelle für Journalisten geworden. Gerade bei Katastrophen wie zuletzt bei dem Erdbeben in Japan sind Tweets in Kombination mit YouTube-Videos von Augenzeugen für die Nachrichten-Redaktionen unentbehrlich. Als Netzreporter angestellte Redakteure sammeln diese Inhalte und binden sie in das aktuelle Programm oder Online-Angebot ein. Das ausgerechnet die Ankündigung des Regierungssprechers unentdeckt geblieben sein soll, scheint doch angesichts dieser Tendenz ein bisschen unwahrscheinlich, oder?

 

Update: Video der Twitter-Diskussion mit Steegmans in der Regierungspressekonferenz


 

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Artikelbild: Rainer Sturm / pixelio.de

3 Kommentare

1 Ping

  1. Lehrreicher Beitrag. Cool, wenn man sowas auch mal aus einem anderen Blickwinkel ansehen kann.

  2. Toller Blog, gefaellt mir.

  3. Man kann dazu nur sagen: ein paar überhebliche, ignorante Journalisten haben sich hier geoutet. Der stellv. RegSprecher hat gut (verbindlich, aber deutlich) geantwortet. Die wirklich schlauen (und unaufgeregten) Journalisten sind die eigentlichen Gewinner – und wir, „das Volk“.

  1. […] Die Neuheit sorgte unter den Medienvertretern für Aufregung: Innerhalb der Bundespressekonferenz kam es zu einer heiteren Diskussion: „Muss ich mir in Zukunft einen Twitter-Account zulegen, um über relevante Termine der Bundeskanzlerin informiert zu werden? Das geht ja bis hin zu der Frage, wozu man dann noch Chefs vom Dienst braucht, wenn Herr Seibert die Termine twittert“, so ein Journalist. […]

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